Mit Brian Molko auf dem Frauenklo

Samstagmorgen, 26. Juli 2014. Zweiter Tag des Openair Lumnezia. Heute stehen mir 6 Bands bevor, die ich interviewen darf. Unter anderem auch Placebo. 20 Jahre alt. 2’847’513 likes. 156’051 followers. Die Band mit dem neuen Album „Loud Like Love“. Siebtes Album. 10 Songs. Das Album, das mich seit Monaten begleitet. Mir wurde die Musik dieser mir eigentlich längst bekannten Band vor einem halben Jahr gezeigt. Ich kenne die Band und mag sie nicht. Mochte sie nicht. Hatte ich Placebo nicht völlig anders in Erinnerung? Sofort kaufe ich das Album.

Zuerst gibt es nur „Exit Wounds“ wenn ich nach Hause komme, im Bad bin, lese, Hintergrundmusik möchte, wasche, koche, in der Stadt rumlaufe, aufstehe, zu Mittag esse. Schnell kommt „Loud Like Love“ und „A Million Little Pieces“ dazu. Ich hatte ja keine Ahnung. Wie heissen die eigentlich? Brian Molko, Sänger. Stefan Olsdal, Gitarrist. Steve Forrest, Schlagzeuger. Schnell kenne ich die Lyrics aller 10 Songs des Albums. Immer wieder Gänsehaut wenn Brian „In the arms of another, who doesn’t mean anything to you…“ singt. Jedes Lied sein eigenes Drama. Ehrlich. Explosiv. Emotional.

Dann die Nachricht: Placebo ist Headliner am Openair Lumnezia 2014. Unsere Redaktion Battaporta RTR wird die Bands am Openair interviewen. Moment. Nochmal bitte. Brian Molko und seine Band gehen ans gleiche Openair wie ich? Es folgen dutzende Videos von Interviews. Ich lerne die Band kennen, lese, höre, schaue, staune. Die Bandmitglieder erhalten eine Persönlichkeit. Stefan, der grosse, schlanke, geschmeidige, bärtige Schwede. Steve, der junge, blonde, tätowierte, energiegeladene Amerikaner. Und natürlich das Gesicht der Band. Brian, schmächtig, geschminkt, blass, schwarze Haare, komische Stimme, zurückhaltend, lacht wenig, fasziniert mich.

Placebo

Bereits der Gedanke, dass dieser kleine grossartige Mann an mir vorbeilaufen könnte, hält mich wochenlang bei Laune. Meine iTunes-Mediathek verrät mir, dass ich das Album bereits 30 Mal gehört habe.

Samstagmorgen, zweiter Tag des Openair Lumnezia. Heute stehen mir 6 Bands bevor, die ich interviewen darf. Riesige Lastwagen parkieren auf dem Gelände. Die ganze Placebo-Crew scheint hier zu sein. Unzählige Kisten auf denen Placebo steht, werden ausgeladen. Ich wage mich hinter die Bühne. Es wird Englisch geredet. Die Roadies bauen die LED-Wand für die Show auf. Einige Männer der Crew machen den Soundcheck für die Band. Durch die Boxen dröhnen zwei, drei Lieder des neuen Albums über das Openair-Gelände. Was für ein Teaser…

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Ich befinde mich wieder auf dem Battaporta-Set und sehe wie einige Sanitäter auf die Bühne stürmen. “Der Gitarrist von Placebo ist umgekippt“, tuschelt man bei uns auf dem Set. Drei zusätzliche Musiker unterstützen Brian, Stefan und Steve auf der Tour. Ich reisse meine Augen auf und denke bereits an eine Absage des Konzerts. Zum Glück: Fehlalarm. Für mich zumindest. Der Roadie, der den Soundcheck für den Gitarristen Stefan gemacht hat, ist umgekippt.

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Es ist Abend. Nur noch das Bligg-Interview steht mir bevor. Und natürlich das mit Steve. Mittlerweile ist klar: Der Schlagzeuger gibt uns ein Radio-Interview. Kein Video. Kein Brian. Im Gegensatz zum Vortag regnet es jetzt. Zeit für meinen knallroten Lackregenmantel. In der Nähe von unserem Set steigen Leute aus einem Nightliner aus.

Steve läuft bereits voraus zum Backstage. 40 Meter vor mir Brians Gesicht, der sich in meine Richtung bewegt. Wir sehen uns an. In meiner Vorstellung zumindest. Vielleicht hat er auch nur eine komische Frau mit einem komischen Mantel gesehen. Doch ich habe gerade Brian Molko gesehen. Ich laufe an ihm vorbei und kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Damit Brian nicht durch den Schlamm laufen muss, bringt ihn ein anderer kleinerer Bus direkt vor den Backstage-Bereich. Wieder läuft er an mir vorbei. Stefan, den Gitarristen, habe ich gar nicht gesehen.

Wenige Minuten vor dem Placebo-Konzert. Ich stehe einige Meter vor der Toilette und plaudere. Meine Gedanken kreisen um Brians Container, der sich wenige Meter neben mir befindet. Aus dem Augenwinkel sehe ich plötzlich wie er in Richtung Toilette läuft – bewacht von einem doppelt so grossen Bodyguard und in schwarz gestylt – ready for the show. Ich weiss, dass Brian Molko bisexuell ist. Ich wusste jedoch nicht, dass er Frauentoiletten bevorzugt. Das ist meine Chance. Für was? Keine Ahnung. Ich laufe in die Toilette und wasche mir endlos lange die Hände. Natürlich in der Hoffnung, dass er endlich aus der Toilette rauskommt und sich ebenfalls die Hände waschen möchte. Fehlanzeige. Im Spiegel vor mir sehe ich wie sich seine Türe öffnet. Ich drehe mich um, da hat Brian die Frauentoilette bereits verlassen. Meine letzte Begegnung mit ihm, bevor ich ihn auf der Bühne wiedersehe.

23 Uhr in der Val Lumnezia. Alle Interviews sind geschafft. Ich stehe im vorderen Drittel der Zuschauermenge und warte auf Placebo. Natürlich weiss ich mit welchem Lied sie das Konzert beginnen. Wie oft habe ich in den letzten Monaten wohl versucht, diesen Film vor meinen Augen abspielen zu lassen. Nun stehe ich da und als wäre es selbstverständlich, erwarte ich sie mit einer halbstündigen Verspätung. Mit dem Blick von der Bühne abgewandt, plaudere ich mit meinem Nachbaren und kann kaum glauben, was mir bevorsteht. Doch als hätten sich die Briten den Schweizer-Bünzlis angepasst, lässt Placebo die Rockstar-Verspätung aus. „B3″ dröhnt aus den Boxen.

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